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Honeckers Schnüffler 22. März 2002 11:45
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Reden halten und abhören lassen: Erich Honecker
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Die Post- und Telefonüberwachung in der DDR durch die Staatssicherheit ist inzwischen museumsreif. Durch das Stasiakten-Urteil in der Sache Kohl gewinnt die Berliner Ausstellung «Ein offenes
Geheimnis» neue Brisanz.
Jeden Tag kommen einige Herren mit einem Kleinbus und transportieren schwere, schwarze Koffer ab. Das meldete eine Inoffizielle
Mitarbeiterin der Staatssicherheit im Postverteilzentrum am Berliner Nordbahnhof ihrem Führungsoffizier. Weil sie pfiffig genug war,
zu ahnen, was da vorging, und zugleich wusste, dass es eines der am besten gehüteten Geheimnisse der DDR war, betonte sie, dass
sie nicht wisse, was da abtransportiert wurde, «aber etwas anderes als Post ist bei uns nicht zu holen».
Tatsächlich waren es die Kuriere der Stasi-Abteilung M, die Tausende Briefe zur Postkontrolle abholten. Der schwarze Koffer ist
seit heute in der Ausstellung «Ein offenes Geheimnis» im Berliner Museum für Kommunikation zu sehen, der ersten großen Schau, die sich des Themas Post- und Telefonkontrolle der Stasi annimmt.
Illegale Überwachung
Natürlich waren die Postkontrolle und das Abhören von Telefongesprächen in der durch die Stasi praktizierten Weise illegal. Das Postgeheimnis, ein fundamentales Rechtsgut des modernen Staates, galt
auch in der DDR. Doch deren sozialistische Führung scherte sich wenig um Bürgerrechte, wenn es um die Sicherheit des Apparats ging. Das ausgeprägte Misstrauen des Ministeriums für Staatsicherheit, das
zugleich “«Schild und Schwert”» der alles beherrschenden SED war, richtete sich gegen die eigene Bevölkerung. Es war ein pauschales Misstrauen, mit dem flächendeckende, präventive
Überwachungsmaßnahmen gerechtfertigt wurden.
Die Abteilung M beschäftigte 2019 Mitarbeiter, die Hauptabteilung III und die Abteilung 26 waren für die Telefonüberwachung zuständig. Jeder Postkontrolleur bearbeitete pro Schicht 4000 bis 6000
Sendungen. Pakete wurden erst geröngt, bevor sie geöffnet und durchsucht wurden. Wenn Briefe geöffnet und nicht beschlagnahmt wurden, mühten sich die Stasileute darum, die Spuren ihrer Überwachung zu
tilgen, etwa durch die Beseitigung von Leimresten mittels Ultraschall oder durch das Bügeln eines im Dampfstrom wellig gewordenen Umweltpapier-Umschlags.
Nachrichten an den Spitzel
Die Stasi schaffte es aus Kostengründen nicht, ihren Plan umzusetzen, wenigstens in der Hauptstadt jeden Telefonanschluss auf Knopfdruck abhörbar zu machen. Aufwändig zapfte sie Telefonleitungen
an: Auf fünfzig Adern Postkabel kamen fünfzig Stasi-Drähte, die so verlegt wurden, dass selbst Fachleute Schwierigkeiten hatten, den Eingriff zu erkennen.
Dennoch war den meisten DDR-Bürgern klar, dass ihre Post und ihre Privatgespräche unter Überwachung standen. Viele
kommunizierten mit den Schnüfflern. Die Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Marianne Birthler, berichtete bei der
Ausstellungseröffnung von einer Freundin, die in Pakete eine Tafel Schokolade mit der Aufschrift «für den Spitzel» beizulegen pflegte.
Kommunikation mit den Postüberwachern wurde sogar zur Kunstform: Mailartisten schmückten Postkarten mit selbstgemachten
Stempeln, Zeichnungen und Kollagen und zogen damit nicht selten den Zorn des Staates auf sich.
Geplünderte Pakete
Hunderte Kriterien konnten für das öffnen eines Briefes sprechen. Etwa eine ausgeprägte Greisen- oder Kinderschrift auf dem
Umschlag, unpersönliche Anreden im Brief, fehlende Unterschriften, Firmenaufdrucke auf dem Umschlag... Post und Pakete aus
dem Westen wurden nicht selten geplündert, Überdies spielte die Staatssicherheit Schicksal, indem sie aus kaum noch nachvollziehbaren Gründen auch Liebesbriefe und Familiennachrichten beschlagnahmte.
Bei der Eröffnung der Ausstellung am Donnerstag Abend schlug Birthler einen Bogen zwischen der Verletzung der Privatsphäre, den
die Stasi beging, und dem Stasiakten-Urteil in der Sache Helmut Kohl. Dort sei die Privatsphäre geschätzt worden, doch in einer
Weise, wie Birthler bemerkte, die der Aufklärung historischer Zusammenhänge entgegenstehe. Schon jetzt, nur zwei Wochen nach
dem Urteilsspruch, der die öffnung der Stasiakten über den Kanzler Kohl verhinderte, werde das Urteil dazu missbraucht, die
Aufklärung historischer Zusammenhänge zu verhindern: «Auch von westdeutschen politischen Extremisten.»
Warnung vor Wahlkampf-Irrtum
Birthler appellierte an die Politik, trotz Wahlkampfs nun nicht die Methoden der Stasi mit denen der Stasi-Erforscher von heute
populistisch gleichzusetzen, wie es bislang nur «in bestimmten Ecken» üblich gewesen sei. Und sie warnte vor dem Irrtum, dass ostdeutsche Wähler mit der Forderung zu gewinnen seien, die Akten zu schließen.
Ohne das Stasiunterlagengesetz, das als bleibende Leistung der DDR-Bürgerbewegung, die es erkämpfte, erstmals die Archive eines
Geheimdienstes der öffentlichkeit zugänglich machte, wäre auch die Ausstellung über die Post- und Telefonkontrolle nicht möglich
gewesen. In Folge des Kohl-Urteils, so Birthler, haben einige Passagen in den ausgestellten Dokumenten geschwärzt werden müssen.
Ausstellung im Berliner Museum für Kommunikation bis zum 1. September, weitere Stationen sind dann Frankfurt, Hamburg und Leipzig. Katalog (242 Seiten) € 17,80.
Für das Web ediert von Joachim Widmann
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